Fachinformation: Speed
Amphetamin, Methamphetamin – Mischkonsum
[Anregende Amphetamine]

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2. Was geschieht im Gehirn?

Speed (Amphetamin und Methamphetamin) erhöht in den synaptischen Spalten des Gehirns (Zentralnervensystems) die Konzentration der Neurotransmitter Noradrenalin (Botenstoff des Leistungs- und Stressbewältigungssystems) und Dopamin (Botenstoff der Bewegungssteuerung, des abstrakten Denkens, der Verhaltensplanung und des Gedächtnisses) durch vermehrte Freisetzung und eine abgeschwächte Wiederaufnahme. Speed bewirkt vor allem eine sofortige Steigerung der Leistungsfähigkeit (mit einem leichten Gefühl der Euphorie gewürzt) und mindert den Appetit und das Schlafbedürfnis. 7 * Die Ausschüttung von Noradrenalin wird nach dem Konsum von Speed stärker stimuliert als die Ausschüttung von Dopamin, bei Amphetamin etwa drei- bis viermal so stark, bei Methamphetamin etwa das doppelt so stark. Die Ausschüttung von Serotonin wird durch den Konsum von Speed kaum beeinflusst. 8 *

Das High-Gefühl nach dem Konsum von Speed und das verstärkte Empfinden von Glück, Freude und Zuversicht wird auf eine verstärkte Ausschüttung von Dopamin zurückgeführt. Verantwortlich dafür ist ein Belohnungssystem, das im Nucleus accumbens im basalen Vorderhirn angesiedelt ist. Im Volksmund gilt deshalb Dopamin als "Glückshormon". Bei gleicher Dosierung bewirkt Methamphetamin eine fünfmal stärkere Freisetzung von Dopamin als Amphetamin. 9 * Methamphetamin ist deshalb deutlich niedriger zu dosieren als Amphetamin.

Amphetamin und Methamphetamin aktivieren auch Rezeptoren, die sonst durch Spurenamine spezifisch stimuliert werden. 10 * Spurenamine (engl. trace amines) sind biogene Amine, die durch Decarboxylierung von Aminosäuren entstehen. Ihrem Namen entsprechend kommen sie im Körper nur in geringen Mengen vor. Die Rezeptoren der Spurenamine (engl. trace amine-associated receptor) werden in Kurzform als TAAR oder auch TA bezeichnet. Sie wurden im Jahr 2001 entdeckt. 11 * Insbesondere der Rezeptor TAAR1 wird durch die Spurenamine β-Phenylethylamin und Tyramin, aber auch durch Amphetamin und Methamphetamin stimuliert. Durch die Stimulierung des TAAR1-Rezeptors mittels Amphetamine wird der Dopamin-Transporter derart moduliert, dass es zu einer Richtungsumkehrung seiner Funktion kommt und Dopamin vom Zellinneren in den außerzellulären Raum (synaptischen Spalt) transportiert wird, jedoch eine Rückführung vom synaptischen Spalt in das Innere der Zelle nicht bewerkstelligt werden kann, obwohl das die eigentliche Funktion des Transporters ist. Auf diese Weise wird der extrazelluläre Dopamin-Spiegel erhöht. 12 *

 

3. Wirkung

Die meisten Partyleute nehmen Speed, um nachts durchgehend fit zu bleiben und durchzutanzen. Speed wird jedoch nicht nur zum Feiern, sondern ebenso auch zum Arbeiten konsumiert. Vor allem Leute, die lange konzentriert (fehlerfrei) arbeiten müssen, konsumieren nicht selten regelmäßig Speed. Speed-Wirkstoffe setzen aus den Nervenzellen des Leistungssystems im Gehirn die körpereigene "Leistungsdroge" Noradrenalin frei. Außerdem kommt es zu einer Dopaminfreisetzung, was zu einem gehobenen Selbstwertgefühl führt. Durch die gleichzeitige Freisetzung von Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin wird der Organismus in eine Art Alarmbereitschaft versetzt, wie dies bei einer bedrohlichen Lage üblich ist. In der englischen Sprache wird dieser Zustand der Erregung mit dem feststehenden Begriff "fight-fright-flight" (kämpfe, fürchte, flüchte) ausgedrückt. Speed erhöht zudem die Körpertemperatur und unterdrückt den Hunger und das Bedürfnis nach Schlaf.

Die Wirkung nach oraler Einnahme von 5 bis 30 Milligramm Amphetamin setzt nach 20 bis 40 Minuten ein und dauert maximal vier bis sechs Stunden. Amphetamin steigert im Allgemeinen das Gefühl des Wohlbefindens, der Gelassenheit und der Zufriedenheit, beseitigt rasch bestehende Müdigkeit und fördert zumeist die Konzentration und das Selbstvertrauen. Amphetamin löst bei einigen Konsumenten auch einen lang anhaltenden Rededrang aus. Im Allgemeinen gelten 30 Milligramm für Gelegenheitskonsumenten als hohe Dosis, für Dauerkonsumenten jedoch als niedrige Dosis. Letztere nehmen oft 50 bis 100 Milligramm als Einzeldosis. Solche Wirkstoffmengen können bei Gelegenheitskonsumenten recht unangenehme Nebenwirkungen wie Herzrasen, Zittern und Sinnestäuschungen hervorrufen.

Nach dem Schnupfen von 30 bis 50 Milligramm Amphetamin setzt die Wirkung nach 30 bis 120 Sekunden ein, wobei die allgemeine Grundstimmung für vier bis fünf Stunden angenehm beeinflusst wird und die allgemeine Motivation zur Leistung wie auch der Tatendrang angeregt werden. Bei Gewohnheitskonsumenten (Dauerkonsumenten) hält die Wirkung nur bis zu zwei Stunden an und ist bei weitem nicht so stark ausgeprägt wie bei Gelegenheitskonsumenten.

Geschnupftes Methamphetamin-HCL hat bereits in Dosierungen um 10 Milligramm eine deutlich merkbare stimulierende Wirkung, die bis zu 20 Stunden anhalten kann. Nach dem Schnupfen von 30 Milligramm und mehr treten in der darauf folgenden Zeitspanne von 20 bis 30 Stunden nicht selten heftige und immer wiederkehrende Halluzinationen auf. Lust, Erotik und Geilheit werden dabei oft überdurchschnittlich prägend empfunden und können bei günstigen Voraussetzungen über Stunden hinweg angeregt und sehr lustvoll ausgelebt werden.

Methamphetamin-Base – in Europa so gut wie unbekannt – wird zumeist auf einer über einem Glas Wasser gespannten und gelochten Aluminiumfolie geraucht. Die übliche Dosis liegt anfänglich bei 30 bis 50 Milligramm. Dauergebraucher erhöhen die Dosis auf bis zu 100 Milligramm und mehr. Die Wirkung setzt nach wenigen Sekunden ein, dauert etwa eine Viertelstunde an und klingt dann über mehrere Stunden hinweg langsam ab. Diese Konsumart hinterlässt klebrige Rückstände in der Lunge und gilt (besonders bei häufiger Applikation) als äußerst ungesund.

 

4. Unterschied zwischen Amphetamin und Methamphetamin

Amphetamin (Handelsnamen: Benzedrin®, Dexedrin®) wurde in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem als Nasenspray zur Linderung von Schnupfen verkauft, später dann auch als Asthmamittel verwendet, da Amphetamin die Bronchalmuskulatur entspannt. Zudem wurde Amphetamin als Appetitzügler und zur Behandlung der Narkolepsie (plötzliche Schlafanfälle aufgrund von einem meist kurzdauernden, unvermittelt und anfallartig auftretenden, unwiderstehlichen Schlafdrang, der häufig auf einer Störung im Zentralnervensystem beruht) eingesetzt. In Deutschland ist Amphetamin nicht mehr als Fertigarzneimittel erhältlich, kann jedoch vom Arzt auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden. In einigen Ländern (u.a. USA) wird Amphetamin heute noch häufig bei Kindern zur Linderung von Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivitätsstörungen verschrieben wie auch zur Behandlung der Narkolepsie.

Methamphetamin (Handelsnamen: Pervitin®, Isophen®) fand früher vor allem als Weckamin (Wachhaltemittel) medizinische, insbesondere militärmedizinische Anwendung. Die Wirkung von Methamphetamin ist stärker (etwa fünfmal so stark) und dauert länger als die von Amphetamin. In Deutschland ist Methamphetamin nicht mehr als Fertigarzneimittel erhältlich, kann jedoch vom Arzt auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden.

Die Wirkung von Methcathinon (Handelsname: Ephedron®) ist nochmals etwa um die Hälfte stärker als die von Methamphetamin. Methcathinon wurde früher vor allem in der Sowjetunion als Psychopharmakon zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. In Deutschland ist Methamphetamin nicht mehr als Fertigarzneimittel erhältlich und kann seit dem 1. März 2008 auch nicht mehr vom Arzt auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden.

 

5. Sex auf Speed

Speed hat eine stimulierende Wirkung auf die Libido (Geschlechtstrieb). Dies gilt insbesondere in der Phase des Abflauens der eigentlichen Hochphase der Substanzwirkung. Die Begierde nach sexueller Befriedigung ist bei einigen Personen schier unersättlich, das heißt, dass nach einem Orgasmus die Lust nicht gemindert ist, sondern immer noch so stark ausgeprägt ist wie vor dem Orgasmus. Da bei Männern die Ejakulation (Ausspritzung der Samenflüssigkeit beim Orgasmus) oft nicht so rasch erfolgt wie im nüchternen Zustand, kommt es nicht selten durch Überberbeanspruchung des Penis beim Sex nach dem Konsum von Speed zu schmerzhaften Hautreizungen an der Eichel. 13 *



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7
R.N. Julien (1997): Drogen und Psychopharmaka, Heidelberg, Berlin, Oxford, S. 154 ff.
8
Richard B. Rothman et al.: Amphetamine-type central nervous system stimulants release norepinephrine more potently than they release dopamine and serotonin, in: Synapse. 2001;39:32-41
http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.471.9275&rep=rep1&type=pdf
9
J. Shawn Goodwin et al.: Amphetamine and Methamphetamine Differentially Affect Dopamine Transporters in Vitro and in Vivo, in: J Biol Chem. 2009 January 30; 284(5): 2978-2989
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2631950/
10
E. A. Reese, J. R. Bunzow, S. Arttamangkul, M. S. Sonders,D. K. Grandy: Trace Amine-Associated Receptor 1 Displays Species-Dependent Stereoselectivity for Isomers of Methamphetamine, Amphetamine, and Para-Hydroxyamphetamine, in: J Pharmacol Exp Ther April 2007 321:178-186
http://jpet.aspetjournals.org/content/321/1/178.full
11
Beth Borowsky et al.: Trace amines: Identification of a family of mammalian G protein-coupled receptors, in: Proc Natl Acad Sci U S A. 2001 July 31; 98(16): 8966-8971
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC55357/?tool=pmcentrez
12
Zhihua Xie, Gregory M. Miller: A Receptor Mechanism for Methamphetamine Action in Dopamine Transporter Regulation in Brain, in: J Pharmacol Exp Ther July 2009 330:316-325
http://jpet.aspetjournals.org/content/330/1/316.full
13
Im Zeitraum von 1994 bis 2004 hat Eve & Rave Berlin an gut 400 Veranstaltungen Drogeninformationsstände eingerichtet und betreut, zum Teil in eigens dafür speziell eingerichteten Chill-Out-Bereichen mit vielen Sitzgelegenheiten, so dass richtige Gesprächsrunden unter Drogenkonsumenten im Beisein von Mitarbeitern von Eve & Rave entstanden. Dabei wurden viele standardisierte Interviews geführt und Gesprächsnotizen angefertigt (etwa 3.500 an der Zahl). Diese Notizen sind die empirische Grundlage der hier angegebenen Fakten zu den in der Szene gängigsten Mischkonsummuster und den dabei beobachteten Erfahrungswerten.