Fachinformation:
Psychedelika (LSD und Zauberpilze) – Mischkonsum
[Psychedelische Indolalkaloide]

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2. Was geschieht im Gehirn?

LSD und der Hauptwirkstoff der Zauberpilze (Psilocybin) haben eine große strukturelle Ähnlichkeit mit dem körpereigenen Neurotransmitter Serotonin und imitieren dessen Wirkung. Das heißt, sie binden sich an ganz bestimmte Serotoninrezeptoren und vermitteln so den Nervenzellen ähnliche Signale wie große Serotoninkonzentrationen in den synaptischen Spalten. Da jedoch nicht alle, sondern nur eine ganz spezielle Auswahl der Serotoninrezeptoren (insbesondere 5-HT1A-, 5-HT2A- und 5-HT2C-Rezeptoren durch LSD und 5-HT2A- und 5-HT2C-Rezeptoren durch Psilocybin) aktiviert werden, kommt es zu ungewohnten Informationsverarbeitungen im Gehirn. 9 *

Die stetige, nahezu unendlich große Flut von optischen, akustischen und anderen Reizen muss durch Vergleich mit unmittelbar zuvor aufgenommenen Reizen sowie mit den im Gedächtnis und Unterbewusstsein abgespeicherten Informationen bewertet, interpretiert und auf ein zu verarbeitendes Maß gefiltert werden, bevor sie bewusst wahrgenommen werden kann. Dabei scheint dem im Zwischenhirn lokalisierten Thalamus, der Eingangspforte zur Großhirnrinde und damit zum Bereich des Bewusstseins, eine entscheidende Rolle zuzukommen, da im Thalamus die Steuerung der Vergleichsprozeduren der neu ankommenden Impulse mit den zuvor angekommenen erfolgt. Die von den Sinnesorganen über den Thalamus eingehenden Impulse werden in der Großhirnrinde dekodiert und über eine Art Rückkoppelungsschleife zum Thalamus zurückgesendet, um erneut an die Großhirnrinde weitergeleitet zu werden. Im Thalamus werden die von der Großhirnrinde zurückgesendeten Informationen zugleich für einen Vergleich mit neu ankommenden Informationen gebraucht, wobei dieser Vergleich mit einer Filterfunktion gekoppelt ist, um die Großhirnrinde vor einer Reizüberflutung zu schützen.

Durch die Aktivierung spezifischer Serotoninrezeptoren im Gehirn wird der thalamische Filter geöffnet, was zu einem starken Anstieg der Impulsübermittlung an die Großhirnrinde führt. Sinnesinformationen werden dann nicht mehr fortlaufend mit im Gedächtnis abgespeicherten Informationen verglichen und können nicht mehr wie gewohnt interpretiert werden, was zu einer vollkommen veränderten Ich- und Umwelterfahrung führen kann. Bei sehr starker Aktivierung der Serotoninrezeptoren werden nur noch einzelne voneinander unabhängige Bilder ohne Zusammenhang verarbeitet, respektive nur noch Bilder mit stark veränderten Assoziationen und Bedeutungszuordnungen. 10 * Dieses Phänomen wird von vielen als ein unermesslich fließendes Ganzes verbunden mit einem Strom innerer Visionen erlebt.

LSD und Zauberpilze können Serotoninrezeptoren aktivieren, ohne dass zuvor Nervenzellen Serotonin ausschütten und freisetzen müssen, wie dies beispielsweise bei Ecstasy (MDMA) der Fall ist. Nach der psychedelischen Reise ist somit kein Serotoninmangel zu befürchten, der eine Phase depressiver Verstimmung verursachen könnte.

 

3. Wirkung (LSD und Zauberpilze)

LSD und Zauberpilze gehören in die Gruppe der Psychedelika. Psychedelika lösen fundamentale Veränderungen des Bewusstseins, der Ich-Empfindung und der Wahrnehmung der Umwelt aus. Das Bewusstsein kann durch die pharmakologische Wirkung der Psychedelika in einen überwältigenden tranceartigen Zustand versetzt werden, der normalerweise nur beim intensiven Träumen oder in ekstatischen Phasen auftritt – und trotzdem befindet man sich für viele Stunden in einem fast unglaublichen Wachzustand.

Psychedelika intensivieren und verfremden die sinnliche Wahrnehmung. Nicht selten ist man sehr intensiven optischen Halluzinationen ausgesetzt. Die von den Augen wahrgenommene Umwelt wird vom Gehirn in andere Formen, Farben und Bilder uminterpretiert. Aber auch Gehör-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastwahrnehmungen werden intensiver erlebt als gewöhnlich und sind zum Teil außerordentlich stark verändert. Es kann manchmal auch zu Synästhesien kommen, das sind Überlagerungen der Sinne. Man glaubt dann beispielsweise, Töne in besonders bunten Farben zu sehen und Musik zu erfühlen.

Die Befindlichkeit, die Stimmung und die Gefühle können sich zum Teil abrupt verändern. Fröhliches Kichern kann plötzlich in Angst und Entsetzen umschlagen und umgekehrt. Wenn man sich gut fühlt und sich gut auf seinen Trip vorbereitet hat (Set) und man sich für seinen Trip eine gute Umgebung mit (einem) vertrauten Menschen ausgesucht hat (Setting), ist die Wahrscheinlichkeit, dass einen plötzlich Angstzustände überkommen, äußerst gering. Nimmt man hingegen seinen Trip planlos und völlig unvorbereitet, dann kann es schon passieren, dass ein unerwünschter Stimmungsumschwung den Trip plötzlich völlig verdirbt.

Auf Trip ist das Körpergefühl verändert: Von einem leichten schwebenden Gefühl über Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen bis zu dem Gefühl, vom Körper völlig losgelöst zu sein. Darum sollte man sich, vor allem, wenn man noch unerfahren ist, die Empfehlung zu Herzen nehmen, niemals LSD oder Zauberpilze ganz alleine zu nehmen, sondern stets in Begleitung von (möglichst erfahrenen) Freunden. So kann jeder in der Gruppe auf die anderen "aufpassen" und dazu beitragen, dass auf dem Trip keine Unfälle passieren oder jemand sich verletzt.

Unter dem Einfluss von LSD oder Zauberpilzen kann man nach dem Verzehr hoher Dosierungen als Gebraucher (Nutznießer) eine vollständige Auflösung der eigenen Identität erleben. Wenn man mit sich selbst im Reinen und offen für transzendentale Erlebnissphären ist, wird man die vollständige Auflösung der eigenen Identität wahrscheinlich als beglückende ozeanische Selbstentgrenzung erleben und die Erfahrung des All-Eins-Seins (Eins sein mit dem All) als erhabene Verschmelzung mit dem Kosmos genießen können. Wenn man hingegen ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle hat, sich selbst aus opportunistischen Gründen untreu geworden ist oder auch rigide, ängstlich, unsicher und verschlossen ist, dann wird man die vollständige Auflösung der eigenen Identität mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als angstvolle Ich-Auflösung durchleben müssen. Der damit verbundene Kontrollverlust über das eigene Ego kann für jemanden eventuell so unerträglich und erschreckend sein, daß der Glaube, endgültig wahnsinnig zu werden oder gar sterben zu müssen, eine existenzielle Krise auslösen kann. Manchmal (das heißt sehr selten, doch es kommt vor) haben durch Psychedelika induzierte Erlebnisse eine so nachhaltige Wirkung, daß auch nach dem Abklingen der eigentlichen pharmakologischen Wirkung die Selbst- und Realitätserkennung so stark gestört bleibt, dass eine Betreuung in einer psychiatrischen Klinik zur unumgänglichen Notwendigkeit wird. Bei der Beachtung der Regeln bezüglich Set und Setting ist ein solcher Verlauf jedoch äußerst unwahrscheinlich. 11 *

Aufgrund der intensiven psychedelischen Wirkung wurden sowohl LSD (Delysid®) als auch Psilocybin (Indocybin®) als psychotherapeutische Hilfsmittel zur Förderung unbewussten Materials und vertiefter Selbsteinsicht im Kontext aufdeckender psychotherapeutischer Verfahren eingesetzt. In der klassischen Psychiatrie wurde die sogenannte "psychotomimetische Therapie" angewendet, wobei dort unter klinischen Bedingungen eine temporäre "toxische Psychose" ausgelöst wurde, um mehr über das Wesen der Erkrankung der Patienten zu erfahren. Da das Setting in den Kliniken damals nach heutiger Erkenntnis alles andere als vorteilhaft für eine solche psychedelische Reise war, waren auch die Ergebnisse nicht gerade vielversprechend und die ganze Prozedur auch nicht angenehm für die Patienten. Psychotomimetische Therapien werden heute nicht mehr durchgeführt. In der "psycholytischen Therapie" werden niedrige bis mittlere Dosierungen (30 bis 200 Mikrogramm LSD respektive 8 bis 20 mg Psilocybin) verabreicht, um eine psychoanalytische oder tiefenpsychologisch fundierte Behandlung zu beschleunigen und/oder abzukürzen. Im Rahmen solcher Therapien werden bis zu 100 Sitzungen unter der Wirkung von LSD und Psilocybin durchgeführt. In der "psychedelischen Therapie" werden hohe Dosierungen von LSD oder Psilocybin verabreicht, um dramatische und überwältigende Erlebnisse und somit auch Veränderungen im Bewusstsein zu ermöglichen, die vor allem durch Grenzerfahrungen (transzendente Erlebnisse) zu neuen Bewusstseinsebenen führen sollen. Bei den beiden letztgenannten Therapien ist die räumliche Umgebung (Setting) der Situation entsprechend adäquat eingerichtet – gemütlich und ästhetisch angenehm. Zudem wird hier auch eine der Situation entsprechende und auf den Geschmack der Patienten ausgerichtete Musik gespielt, da Musik eine entscheidende Rolle für den Verlauf der psycholytischen respektive psychedelischen Sitzung hat. 12 *

Psychedelika vermögen dem Menschen nicht nur zu neuen Sichtweisen verhelfen, sondern auch durch das unvoreingenommene (nichtkonditionierte) Anschauen der Dinge zur Vervollkommenung des Sehens zum Schauen. Zur Bedeutung des Schauens schreibt Albert Hofmann:

 

Lob des Schauens

"Durch Schauen erweitert sich unser Bewusstsein vom Wunder der Schöpfung und unserer Geschöpflichkeit. Da die Evolution der Menschheit parallel geht mit der Erweiterung des Bewusstseins, kommt der Vervollkommenung des Sehens zum Schauen die allerhöchste Bedeutung zu.

Am Sehen lassen sich bis zur Entwicklung zum Schauen verschiedene Stufen unterscheiden. Den Anfang bildet das bloße Wahrnehmen eines Objektes, ohne dass dieses unser Interesse weckt. Die zweite Stufe besteht darin, dass das Objekt unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. In der dritten Stufe wird das Objekt genauer betrachtet und untersucht. Hier beginnt das Denken und die wissenschaftliche Forschung.

Die höchste Stufe des Sehens, die Beziehung ganz allgemein zu einem Objekt und zur Außenwelt überhaupt, ist dann erreicht, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen mir und der Außenwelt, bewusstseinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin. Das ist der Zustand der Liebe. Die höchste Stufe des Sehens ist Liebe. Umgekehrt kann Liebe definiert werden als die höchste Stufe des Sehens."

Albert Hofmann, in: Lob des Schauens, Basel 1996, S. 58 f. 13 *

 

4. Unterschiede zwischen LSD und Zauberpilzen

Der Pilzrausch ist verglichen mit der durchdringenden Brillanz und Klarheit von LSD eher traumartig. Erfahrene Konsumenten berichten, dass Pilze sie weit mehr in Kontakt mit dem "Mysterium" bringen als LSD. Bei Pilzen berichten manche vom Gefühl der Gegenwart eines altehrwürdigen Lehrers oder Meisters und sprechen vom Geist des Pilzes. Es besteht somit eine Art von Dualität zwischen dem Konsumenten und dem Pilz. LSD wirkt demgegenüber eher monokausal und scheint besser geeignet zu sein, die eigenen mentalen Pfade zu durchqueren.

Viele Menschen empfinden die Pilzvisionen "organischer" als die von LSD. Pilzvisionen tendieren zu runden Formen und rufen Bilder hervor, die mit der Natur kongruent (vom Wesen her gleich) sind, während Visionen unter LSD normalerweise eckiger sind oder von einer eher kaleidoskopartigen und abstrakten Bilderwelt geprägt werden.

Viele Konsumenten, die sowohl reichlich Erfahrungen mit Pilzen als auch mit LSD haben, empfinden Pilze als "heiliger" und nutzen die Zauberpilze nur für Gelegenheiten, bei denen bedeutsame mystische Erfahrungen anstehen. LSD hingegen wird gerade von sehr erfahrenen Konsumenten auch für absolut profane Tätigkeiten genutzt, da LSD die Fähigkeit besitzt, dem Geist zu erlauben, Dinge sehr tief zu durchdringen. 14 *

Siehe auch Abschnitt 1.3 "Unterschied zwischen LSD-Trip und Zauberpilzreise"
http://www.drogenkult.net/?file=Psychedelika&view=1#3

 

5. Sex auf LSD und Zauberpilzen

Auf psychedelischen Reisen ist die Lust auf Sex häufig sehr stark ausgeprägt. Liebesspiele und Orgasmen werden in einer neuen Dimension erlebt. Timothy Leary bezeichnete LSD als das mächtigste Aphrodisiakum, das der Mensch je entdeckt hat. 15 * Die Bereitschaft zu riskanteren Sexualpraktiken (bezüglich der HIV- und Hepatitisübertragung) ist gesteigert. Ob und wie Sex auf diesen Drogen praktiziert wird, sollte unbedingt vorher besprochen und entsprechende Safer-Sex-Praktiken am besten schon mal nüchtern und zuvor auch mit Kondom trainiert werden.



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9
R.J. Strassmann (1993): Human psychopharmacology of LSD, dimethyltriptamine and related compounds, in: A. Pletscher, D. Ladewig (1994): 50 Years of LSD: Current Status and Perspectives of Hallucinogens – Symposium of the Swiss Academy of Medical Sciences, Lugano-Agno (Switzerland), October 21 and 22, 1993, New York, London, S. 145-174
10
F.X. Vollenweider (1993): Evidence for cortical-subcortical imbalance of sensory information processing during altered states of consciousness using positron emission tomography and [18F]fluorodeoxyglucose, in: A. Pletscher, D. Ladewig (1994): 50 Years of LSD: Current Status and Perspectives of Hallucinogens – Symposium of the Swiss Academy of Medical Sciences, Lugano-Agno (Switzerland), October 21 and 22, 1993, New York, London, S. 67-86
11
A. Dittrich, D. Lamparter (1994):Differenzielle Psychologie außergewöhnlicher Bewußtseinszustände, in: A. Dittrich, A. Hofmann, H. Leuner: Welten des Bewußtseins, Band 3, Experimentelle Psychologie, Neurobiologie und Chemie, Berlin, S. 59-86

H. Cousto (1998): Drogeninduzierte und andere außergewöhnliche Bewußtseinszustände, Solothurn, S. 10 ff.
http://www.eve-rave.net/abfahrer/download/eve-rave/bewusstsein.pdf
12
Richard Yensen, Donna Dryer, (1993): Thirty Years of Psychedelic Research: The Spring Grove Experiment and its Sequels, in: Jahrbuch des europäischen Collegiums für Bewußtseinsstudien 1993/1994, Berlin 1994, S. 73-102

Richard Yensen (1985): LSD and psychotherapy, in: Journal of Psychoactive Drugs 1985 Oct-Dec;17(4), S. 267-77
13
Albert Hofmann: Lob des Schauens, Basel 1996
http://www.nachtschatten.ch/prod/buch_358.htm
14
D.M. Turner (1994): The Essential Psychedelic Guide, San Francisco, S. 27 ff. Die deutschsprachige Ausgabe ist 1997 im Nachtschatten Verlag in Solothurn unter dem Titel "Der psychedelische Reiseführer" erschienen.
15
Timothy Leary: Politik der Ekstase, Volksverlag, Linden 1982